Theos und Junas weite Reise – Leseprobe

„Theos und Junas weite Reise“ ist ein Kinderbuch über Zugvögel, das ich in Zusammenarbeit mit dem WWF Deutschland geschrieben habe. Es ist eine wirklich schöne Geschichte geworden, zum Vorlesen und Selberlesen, mit Illustrationen von Mara Kreimeier. Für neugierige Nasen gibt es hier einen kleinen Einblick. 🙂

Wir treffen die junge Pfuhlschnepfe Theo in Sibirien, kurz nachdem seine Mutter sich auf den Weg in Richtung Süden gemacht hat …

(…)

Aufgewühlt und ängstlich rannte Theo los. „Juna!“, rief er immer wieder. „JUNA!“

„Was ist denn mit dir los? Willst du etwa alle Füchse Sibiriens auf dich hetzen?“

„Juna! Da bist du ja!“ Völlig atemlos blieb Theo stehen, als Juna hinter ein paar Gräsern hervorkam. „Meine Mama …“, japste er, „ist … einfach weggeflogen … und ich dachte … du wärst vielleicht mit …“

Zu Theos Verwunderung lachte Juna. „Aber nein, du Dummkopf. Warum sollte ich denn mitfliegen? Nur die Erwachsenen fliegen los.“

„Heißt das, deine Mama ist auch weggeflogen?“

„Aber ja. Meine Mutter ist schon gestern geflogen und Papa heute. Und wir folgen ihnen. In ein paar Wochen.“

Das war Theo neu. „Wir fliegen auch von hier weg? Aber warum denn? Und wohin?“

Juna seufzte, so wie sie es immer tat, wenn Theo mal wieder etwas nicht wusste. „Weil wir hier nicht ewig bleiben können. Im Herbst und im Winter wird es hier oben im Norden bitterkalt. Dann liegt überall Schnee und du findest nichts zu Fressen. Deshalb müssen wir rechtzeitig Richtung Süden fliegen. Dort ist es wärmer und wir finden auch im Winter genug Nahrung.“

„Aber“, protestierte Theo, „ich will nicht weg von hier. Das hier ist doch mein Zuhause.“ Er sah sich um. Sah auf die Moose, die blühenden Sträucher und die Sümpfe, den blauen Himmel und die endlosen Weiten. Auf all das, was er so lieb gewonnen hatte.

Wieder lachte Juna. „Aber Theo! Wir sind Zugvögel. Die halbe Welt ist unser Zuhause!“ Bei diesen Worten breitete sie die Flügel weit aus.

„Die halbe Welt …“, wiederholte Theo murmelnd. Das klang toll. Aber auch ein wenig beängstigend. „Und der Weg nach Süden“, fragte er, „ist der sehr weit?“

„Oh ja.“ Juna nickte ernst. „Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt noch viel mehr fressen als vorher. Wir müssen Fettpolster anlegen, denn die sind unsere Energiereserve für den anstrengenden Flug.“

Gesagt, getan. In den folgenden Tagen fraßen Theo und Juna so viel sie konnten. Rund um die Uhr suchten sie nach Insekten, Larven und Spinnen und machten nur Pausen, um ein wenig zu schlafen. Besonders praktisch dabei war, dass zu dieser Jahreszeit so hoch im Norden die Sonne niemals unterging und sie immer genug Licht für die Futtersuche hatten. Sie trauten sich immer weiter weg von dem gewohnten Umfeld ihres Brutplatzes und ab und zu versuchten sie sich sogar darin, zu fliegen. Eines Tages wachte Theo neben Juna auf und bemerkte, dass sie schon lange keine Küken mehr waren. Ihr Gefieder war nicht mehr flauschig, sondern glatt und geschmeidig, und ihre Körper waren größer und kräftiger. An diesem Morgen war er seltsam rastlos. Irgendetwas drängte ihn zum Aufbruch. Ungeduldig rüttelte er Juna wach.

„Was ist denn los?“, fragte sie schläfrig.

„Steh auf. Ich möchte in diese Richtung gehen.“ Er zeigte mit dem Flügel. Dort in der Ferne hatte er schon seit ein paar Tagen eine dunkle, blaue Fläche entdeckt, die tagsüber in der Sonne glitzerte und schimmerte.

Zu seiner Verwunderung protestierte Juna nicht. Ganz im Gegenteil stand sie sofort auf und nickte zustimmend. „Ich glaube, das ist eine gute Idee.“

Inzwischen waren sie so gut im Fliegen, dass sie nicht länger liefen, sondern ihrem Ziel mit kräftigen Flügelschlägen entgegen strebten. Sie waren gar nicht weit gekommen, da bemerkten sie andere Vögel in der Luft – Pfuhlschnepfen wie sie! Alle trugen sie das graubraune Federkleid der Jungvögel. Und alle strebten in die gleiche Richtung.

Schließlich erreichten sie das rätselhafte blaue Ding und landeten. Und es war – Wasser! Eine riesige Wasserfläche, die bis zum Horizont reichte und kurz vor ihren Füßen in leise rauschenden Wellen an einen Sandstrand brandete.

„Was ist denn das?“, fragte Theo.

„Das, Theo“, antwortete Juna verträumt, „ist das Meer.“

„Das Meer“, wiederholte er ehrfürchtig. „Noch nie gehört.“

Juna lachte und schüttelte tadelnd den Kopf. „Ach Theo.“ Doch dann wurde sie plötzlich wieder ernst. „Spürst du das auch?“

Theo nickte. Er konnte es zwar nicht in Worte fassen, doch er spürte tatsächlich, dass etwas in der Luft lag. Plötzlich fiel ihm ein, was es sein konnte: „Fliegen wir jetzt auch nach Süden?“, fragte er aufgeregt. „So wie Mama und Papa und all die anderen?“

Juna nickte. „Ich glaube schon.“

Im Verlauf des Tages trafen immer mehr junge Pfuhlschnepfen an dem Strand ein. Juna und Theo fraßen weiter Insekten, doch ab und zu pickten sie auch im Sand herum und fanden ganz neue Würmer und Schnecken, die ihnen ebenfalls gut schmeckten. Fleißig übten sie sich im Fliegen und flogen dabei immer weitere Strecken ehe sie wieder landeten. Dann schließlich wuchs die Rastlosigkeit unter den Vögeln an. Alle begannen laut durcheinander zu rufen: „Es geht los!“, „Macht euch bereit!“ und ähnliches. Man verstand sein eigenes Wort nicht mehr. Theo und Juna schlossen sich einer großen Gruppe an und flogen gemeinsam mit ihnen auf, ebenfalls laut rufend. Doch dann landeten sie doch alle zusammen wieder.

Theo wurde ungeduldig. Wann ging es denn nun los?

Da auf einmal entdeckte er Dotti in einer anderen großen Gruppe von Jungvögeln, die sich gerade in die Luft erhob. Und da, direkt neben ihr, Pelle! Und Pieps! Seine Geschwister!

„He!“, rief Theo laut und winkte mit beiden Flügeln. „He, hier bin ich!“

Wie durch ein Wunder entdeckten die drei ihn. Zurückwinken konnten sie nicht, weil sie sich immer noch flügelschlagend in der Luft hielten, doch Pelle rief laut: „Komm mit, Theo! Wir fliegen nach Afrika!“

Aufgekratzt hüpfte Theo auf der Stelle und zog Juna am Flügel. „Komm schon!“, sagte er. „Wir müssen hinterher! Nach Afrika!“

Doch Juna stand steif wie ein Stock und bewegte sich keinen Zentimeter. Die Vögel um sie herum wurden wieder unruhig. Gleich würden auch sie auffliegen.

„Was ist los?“, fragte Theo. Nervös sah er zu Pelle, Pieps und Dotti. Ihr Schwarm flog noch immer dicht über ihnen, doch langsam aber sicher ordneten sie sich und wandten sich in eine Richtung. „Juna! Wir müssen mit!“

„Aber ich will nicht nach Afrika.“ Juna hatte so leise gesprochen, dass Theo ganz nah an sie heran treten musste, um sie in dem Lärm zu verstehen.

„Was?!“, fragte er verständnislos. „Aber du hast doch die ganze Zeit davon geredet! Du wolltest doch auch nach Süden!“

„Ja, nach Süden.“ Juna sah ihn an und ihr Blick machte ihm auf einmal Angst. „Aber nach Neuseeland, Theo. Nicht nach Afrika.“

„Was?“ Theo verstand die Welt nicht mehr. Was geschah hier? Das musste ein schlechter Scherz sein! Der Schwarm seiner Geschwister hatte seine Richtung nun gefunden. Sie formierten sich zu einem V und entfernten sich zielsicher entlang der Küste. Dotti warf Theo noch einen Blick über die Schulter zu. Dann sah auch sie nach vorne und folgte den anderen.

„Tut mir leid, Theo.“ Juna sah Theo immer noch an. Und jetzt erkannte er auch, was er in ihrem Blick sah: Trauer. Wie auf ein Kommando flogen die letzten am Land verbliebenen Vögel um sie herum auf – und mit ihnen Juna. „Mach’s gut!“

„Juna!“, schrie Theo. „Was machst du denn?“

„Ich wünsche dir viel Glück auf deinem Weg nach Afrika!“, rief Juna, während sie höher flog.

Theo sah gehetzt zwischen ihrem Schwarm und dem seiner Geschwister hin und her. Er war der einzige Vogel, der noch am Boden stand. Er wusste, er musste jetzt losfliegen, wenn er nicht den Anschluss verlieren wollte. Doch wohin? Er konnte sich unmöglich von Juna trennen! Doch andererseits sagte ihm eine innere Stimme, dass er nach Afrika musste. Unbedingt.

Die Schwärme entfernten sich. Der mit seinen Geschwistern entlang des Strandes. Und Junas in Richtung Innenland.

„Juna.“ Theos Stimme war leise und tränenschwer. Er wusste, dass sie ihn schon längst nicht mehr hören konnte. „Du bist doch meine beste Freundin.“

Dann schwang auch er sich in die Luft, höher und höher. Er blickte Junas Schwarm hinterher.

Und wandte sich ab.

Er musste sich beeilen, wenn er Dotti und die anderen noch einholen wollte.

(…)

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