Lesezeit ca. sieben Minuten
* Die Begriffe „Eskimo“ und „Indianer“ entsprechen dem Sprachgebrauch der 1930er Jahre und werden im Text zur Wahrung der historischen Authentizität verwendet. Heute werden diese Ausdrücke als diskriminierend empfunden und sind nicht mehr gebräuchlich.
Prolog
03. Oktober 1933
Herschel Island war noch nicht in Sicht, als es erneut zu schneien begann. Jede im Dunst treibende Flocke erschien Inspektor Rivett-Carnac wie eine neckende Warnung von Mutter Natur. Er und Constable Parkes, am Steuer des kleinen Schoners, hielten sowohl die nahe Küstenlinie als auch die Wolken genau im Blick.
„Verdammte Buchten sind alle schon zugefroren“, rief Parkes über das Tuckern des Motors hinweg und sprach damit genau den Gedanken aus, der auch dem Inspektor im Kopf herumgegangen war. Falls ein Sturm heraufzog, würden sie dort keine Zuflucht finden.
„In diesen Untiefen hier würde unsere Nussschale von Boot im Nu in Stücke geschlagen“, stimmte der Inspektor zu. „Bei dem ersten Anzeichen eines Sturms steuern wir aufs offene Wasser.“
Der Constable nickte grimmig. Doch das Wetter hielt und die Beaufortsee blieb ruhig, sodass sie ohne Zwischenfall die kleine Insel ansteuern konnten.
Trapper Bennett hatte das Boot bereits kommen sehen und erwartete sie am Ufer. Der kleine, in Pelz gehüllte Mann war der einzige Bewohner Herschel Islands, der auch im Winter dort ausharrte und den Elementen trotzte.
„Guten Tag die Herren!“, rief er den Männern entgegen, sobald sie einen der Anleger erreicht hatten und der Motor verstummte. Er fing das Seil auf, das Constable Parkes ihm hinüberwarf, und machte es mit geübten Handgriffen an einer der Klampen am Steg fest. „Hab nicht erwartet, Sie so bald wiederzusehen.“ Als er sich wieder aufrichtete, blitzten seine blauen Augen neugierig unter der Pelzmütze hervor und sein freundliches Grinsen entblößte zwei Reihen krummer, vom Tabak gelb gefärbter Zähne.
Mit von der dreitägigen Reise steif gefrorenen Gliedern erhob sich der Inspektor von der harten Bank. „Und wir ebenso wenig.“ Er tauschte einen Blick mit Parkes.
Tatsächlich war es keine zwei Wochen her, dass die Männer der Royal Canadian Mounted Police Herschel Island nach einem längeren Aufenthalt verlassen hatten, um zur Polizeistation in Aklavik zurückzukehren. Der Inspektor ließ seinen Blick über dieses einsame Fleckchen Erde schweifen, über das nun auffrischender Wind pfiff. Umringt von der eisigen Beaufortsee, von drei Zoll frisch gefallenem Schnee bedeckt, mit nichts als ein paar Blockhütten bebaut und von niemandem als Trapper Bennett bewohnt, sollte man nicht meinen, dass dieses Eiland vor kurzem noch vor Aktivität gebrummt hatte. Doch im Sommer wurde Herschel Island für eine kurze Zeit zum Mittelpunkt des Lebens an der Arktischen Küste. Von Ost und West, selbst von so weit her wie Cambridge Bay, kamen dann weiße Trapper, Trader und Eskimos*, um die Ankunft der einzigen zwei Versorgungsschiffe abzuwarten, die diesen verlassenen Landstrich anfuhren. Einen Monat lang war die kleine Insel Kulisse für geschäftiges Treiben, während die Nomaden und Trapper ihre Fälle gegen Konserven, Mehl, Reis und andere Güter tauschten, mit denen sie ihre Vorräte für den Winter auffüllten. Selbstverständlich hatte die Royal Canadian Mounted Police in dieser Zeit Präsenz zu zeigen. Zum einen war es die Aufgabe der Mounties, die anfallenden Zollgebühren einzutreiben. Zum anderen sollten sie ein Auge darauf haben, dass niemand über die Stränge schlug, wenn sowohl Eingeborene als auch der eigenbrötlerische Menschenschlag der weißen Trapper in vergleichsweise großen Mengen aufeinandertrafen. Der Inspektor hatte in seinen Dienstjahren in den Northwest Territories und dem Yukon genug Vertreter beider Lager kennengelernt, um einen tiefen Respekt für ihre Widerstandsfähigkeit und Zähigkeit zu empfinden. Aber er hatte auch schon genug Fälle von Trunkenheit und häuslicher Gewalt unter den Eskimos gesehen, um zu wissen, dass sie für ihr eigenes Wohl mitunter die hart durchgreifende Hand der Zivilisation spüren mussten. Genauso wie er schon genug Trapper gesehen hatte, die nach monatelanger Einsamkeit in den nordischen Wäldern langsam aber sicher den Verstand verloren, bis sie zu einer Gefahr für sich und andere wurden.
In diesem Sommer war der Einsatz der Mounties jedoch doppelt gefordert gewesen. Eines der beiden sehnsüchtig erwarteten Versorgungsschiffe – die Anyox der Hudson’s Bay Company – hatte sich auf ihrer Route entlang der Küste einen Eisschaden am Rumpf zugezogen und war gezwungen gewesen, die Fahrt abzubrechen und nach Süden zurückzukehren. Diese Nachricht hatte den arktischen Norden in höchste Alarmbereitschaft versetzt, waren die spärlichen Bewohner auf die jährliche Lieferung doch dringend angewiesen. Inspektor Rivett-Carnac hatte daraufhin alle Hebel in Bewegung gesetzt, um neue Vorräte über den Mackenzie River bis nach Aklavik bringen und von dort auf kleine Boote verteilen zu lassen. Höchstpersönlich hatte er auf Herschel Island überwacht, wie die St. Loch beladen und in Richtung Westen weitergeschickt wurde. Danach hatte er sich den üblichen Pflichten auf dem sommerlichen Herschel Island gewidmet und war schließlich erleichtert nach Aklavik zurückgekehrt, zufrieden mit der getanen Arbeit und mehr als bereit für acht ruhige Wochen in dem kleinen Ort, während der Winter einsetzte und die langsam zufrierenden Flüsse jede weitere Reise unmöglich machten. Erst wenn sie komplett mit festem Eis bedeckt waren und das Befahren mit Hundeschlitten erlaubten, würde er zu den üblichen Routine-Patrouillen aufbrechen, um die Eskimo Communities und weißen Siedlungen im Umfeld zu besuchen. Zuvor jedoch hatte er Zeit, Mary dabei zu helfen, sich einzuleben, und die Geburt seines Kindes abzuwarten.
Mary. Ein schmerzlicher Stich durchfuhr ihn bei dem Gedanken an seine junge hochschwangere Frau, die er erst wenige Wochen zuvor mit nach Aklavik gebracht und vor drei Tagen dort zurückgelassen hatte.
Sie hatten sich unten in Regina kennengelernt und waren gerade mal fünf Monate verheiratet gewesen, als ihn die Nachricht erreichte, dass er zurück ins Northwest Territory versetzt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte er bereits vier Dienstjahre im Norden hinter sich gebracht, hatte diese Welt sowohl lieben als auch fürchten gelernt, mit ihren kurzen Sommern, den scheinbar endlosen Wintern, der Abgeschiedenheit und Einsamkeit, der Kälte, den lebensgefährlichen Patrouillen in Kanu und Hundeschlitten. Zurück in der Zivilisation hatte er das alles romantisiert. Doch nun plagten ihn die Gewissensbisse darüber, die schwangere Mary zu diesem Leben verdammt zu haben. Zwar hatte sie sich bisher als äußerst tapfer erwiesen und alle Herausforderungen mit Humor genommen. Dennoch wollte er sie auf keinen Fall länger als nötig in dem spärlich möblierten Haus in Aklavik alleinlassen, das sie dort gleich neben der Polizeistation bezogen hatten.
Mit einem Räuspern holte der Inspektor seine Gedanken wieder in die Gegenwart und nach Herschel Island zurück. Er griff nach der Reling, um in dem leicht schwankenden Boot das Gleichgewicht nicht zu verlieren. „Wir sind auf der Suche nach einer Botanikerin“, rief er über die paar Fuß eisigen Wasser hinweg, die ihn von Trapper Bennett trennten.
Bennett hatte das übliche wettergegerbte, bärtige Gesicht und den etwas strengen Geruch, die alle Trapper im Norden gemeinzuhaben schienen. Doch über seinen rotgefärbten Wangen und unter buschigen Augenbrauen saßen zwei ehrliche, blaue Augen. Der Inspektor war schon häufig davon überrascht worden, wie hilfsbereit und selbstlos die nordischen Trapper sein konnten. So einsam ihr Leben auch war, waren sie doch nicht ohne Mitgefühl oder Menschlichkeit. Vielleicht sogar gerade deswegen. „Einem Botaniker?“ Der Trapper sprach das Wort aus, als hätte er nur eine ungefähre Vorstellung von dieser Profession.
„Botaniker-in“, präzisierte der Inspektor. „Eine Lady namens Isobel Wylie Hutchison aus England. Sie ist hier, um die arktischen Blumen zu untersuchen.“
So zumindest hatte es in dem Telegramm gestanden, das ihn drei Tage zuvor und kurz nach seiner Rückkehr nach Aklavik von den Headquarters in Ottawa erreicht hatte. Das Telegramm, das ihn dazu veranlasst hatte, trotz der Eisbrocken, die bereits den Fluss hinabtrieben, eines der Boote wieder zu Wasser zu lassen und sich sofort auf den Weg nach Herschel Island zu machen.
„Eine Lady? Allein?“ Der Stimme des Trappers war seine Ungläubigkeit deutlich anzuhören.
„Allein“, bestätigte der Inspektor. Er konnte förmlich sehen, wie die Bedeutung seiner Worte bei Bennett einsank. Der Trapper verstand nun, warum die Polizisten sich auf den Weg gemacht hatten, obwohl die Zeit für Reisen an ihr Ende kam und mit jeder verstreichenden Stunde die Gefahr stieg, dass das Eis ihren Schoner einschließen und jede Weiterfahrt unmöglich machen würde. Denn auf keinen Fall konnte man eine englische Lady in dieser menschenverlassenen Wildnis sich selbst überlassen, erst recht nicht bei hereinbrechendem Winter.
„Sie hatte vor, Herschel Island zu erreichen“, fuhr der Inspektor fort. „Und da kein Schiff der Hudson’s Bay Company sie bis hierherbringen konnte, wollte sie sich scheinbar auf eigene Faust durchschlagen. Haben Sie etwas von ihr gehört?“
„Bedaure, Sir.“ Bennett schüttelte den Kopf. „Weder gehört, noch gesehen. Wie genau wollte die Lady denn hierherkommen?“
„Allem Anschein nach auf einem Eskimo-Schoner.“
„Bedaure“, wiederholte Bennett und schien es aufrichtig zu meinen. „Hier ist keine Lady angekommen, Sir. Möchte meinen, das wär‘ mir aufgefallen.“
Eine kurze Stille trat ein, in der nur das leise Schwappen des Wassers gegen den Schiffsrumpf zu hören war. Wie auf ein Stichwort wandten alle drei Männer die Köpfe nach Westen. Wenn die Gesuchte nicht auf Herschel Island angekommen war, mussten sie davon ausgehen, dass sie sich immer noch auf Alaskischem Boden befand. Auch wenn die Grenze zum Nachbarstaat keine 50 Meilen entfernt war, hätte sie sich damit genauso gut auf dem Mond befinden können: Sie war jenseits der Zuständigkeit der Royal Canadian Mounted Police.
Der Inspektor runzelte die Stirn, während er in das Gestöber der dichter fallenden weißen Flocken starrte. Er wollte sich lieber nicht ausmalen, was für Gründe es dafür geben mochte, dass die Botanikerin Herschel Island nicht mehr erreicht hatte. Die Grausamkeit von Mutter Natur war nicht der einzige Gegner, gegen den man hier bestehen musste. Es war allgemein bekannt, wie dürftig der Einfluss der US-amerikanischen Regierung in den Weiten Alaskas war. Insbesondere in den nördlichsten Breiten dieses wilden, weitestgehend menschenleeren Landes war die Strafverfolgung geradezu lachhaft. Nicht selten kamen sogar Mörder und Totschläger ungestraft mit ihrem Verbrechen davon. Der Inspektor unterdrückte ein sorgenvolles Seufzen. Er hasste es, einen Job nicht richtig zu Ende zu bringen. Zu gerne hätte er die fremde Lady, die sich vermutlich in eine äußerst prekäre Situation manövriert hatte, auf Herschel Island vorgefunden und mit nach Aklavik genommen. Doch in der gegenwärtigen Situation konnte er nichts für sie tun. Sie würde allein zurechtkommen müssen in diesem Winter in der Wildnis Alaskas.
„Wollen die Herren noch eine Tasse Kaffee?“, fragte Bennett unvermittelt.
Der Inspektor konnte die Augen seines Constables geradezu aufleuchten sehen. Die Aussicht, etwas Warmes zu trinken, war gefährlich verlockend. Schweren Herzens lehnte er ab. „Keine Zeit. Wir müssen nach Hause, ehe das verfluchte Eis uns zuvorkommt. Aber etwas Treibstoff würden wir nehmen.“
So schnell wie möglich wickelten sie den Handel ab, verstauten den Kanister, den Bennett ihnen heranschaffte, verabschiedeten sich von dem Trapper und legten ab.
Während der Schoner durch das Wasser pflügte, bildeten sich hier und dort bereits dünne Eisflächen, den Inspektor in seiner Überzeugung bestärkend, dass sie keine Minute zu früh von Herschel Island aufgebrochen waren. Jeder Augenblick zählte jetzt, wenn es darum ging, die Flussmündung, ihre Pforte ins Inland, zu erreichen ehe sie zufror. Mit quälend langsamen sechs Meilen die Stunde tuckerte ihr Zweizylindermotor gegen zunehmenden Wind, höher und höher rollende Wellen und schwindendes Tageslicht an. Die Männer fuhren schweigend, den Blick auf die Küstenlinie geheftet, festentschlossen, den Wettlauf gegen das Eis zu gewinnen. Inspektor Rivett-Carnac vergrub sich tiefer und tiefer in seinem Parka, doch der nasse Wind schnitt mit unbarmherzigen Messerklingen jedes Gefühl aus seinen Fingern, seinen Zehen, seiner Nasenspitze. In seinen Gedanken gab es nur noch Platz für Mary. Er war fest entschlossen, es zu ihr und seinem ungeborenen Kind nach Hause zu schaffen, ehe der Winter seine eisige Faust gänzlich um die Arktis schloss und sie alle fest in seinem Griff hatte.
Die Zukunft würde zeigen, was aus Isobel Wylie Hutchison geworden war.
